placeholder

Bergische Geschichten Sammlung

Een Dag enn der Steenkuhl

 

Dunnerkiel, noch früher aus dem Bett als zur Schulzeit. Macht nichts. Abwechslung braucht der Mensch. Aufs Fahrrad geschwungen, durch den frischen Morgen. Die Nasenspitze und die Finger werden kalt. Arbeiten und fest anpacken ist hier die beste Medizin.

Kurz vor 7 Uhr. Die Arbeiter: Stößer, Kipper und Lader zieht der Bock auf Sohle 2, 3 und 4. Sehr eigenwillige und markante Gestalten gibt es unter ihnen. Der andauernd quasselnde, gutmütige, nur vom Fußball redende, leicht naive Fritz. „Eck gewinn demnächst emm Lotto, dann kunnt sei ehre Wagen allein trecken“, so sprach er, als der Meister brüllte. Auf der anderen Seite, der mit nicht viel Gehirn, aber desto mehr Muskeln ausgestattete, bärenstarke Gustav. Seine Devise: „Eck hiev den Steen un wenn de Knooken bräken!“ Beinahe 50% invalid. Ein Auge fehlt, die Glieder beider Daumen, eine Eisenstange fiel etwas unsanft auf seinen Rücken, ein zentner schwerer Stein zog seinen linken Fuß in Mitleidenschaft. Sonst kerngesund. Weiter der vergnügte Jupp, er schwärmt für Abwechslung, deshalb trat er erst mit 59 Jahren und den Stand der Ehe. “Et wor noch fräuh genaug!“ - Der Streber Martin usw. usw. aber arbeiten müssen alle.  -

Beim Schieben der Loren kommen und gehen die Gedanken. man (spinnt) sinniert: „Du hast Ferien, du bleibst nicht immer hier, eine geheime Vorfreude. Du arbeitest jetzt und in 9 Tagen gibt es bares Geld. Was machst du damit ? Bei 100 DM Verdienst. Wünsche für 300 DM. 100 DM für (dich) die Familie, 100 DM für dich, ein Unterschied“. Egoistische Gedanken: „Ein Kofferradio?, eine Viergangschaltung ? gute Bücher? Kinkerlitzchen?“

Zurück zur Wirklichkeit. Splitt ziehen, Pflastersteine laden, durch den Brecher schütten. Herrliches Wetter. Die Sonne brennt. Verschwindet hinter den Wolken. Bedeckter Himmel. Regen. Und wieder klart es. Die Luft tut gut. 8 Stunden draußen. Gesunder als im Büro und in der Fabrik. 9 Uhr Frühstück. Kurze Pause. 12 Uhr Mittag. Das Essen schmeckt besonders gut. Ausruhen. Weiter machen. Entdecke immer neue Bilder für den Apparat. Keine alltäglichen, sonder nur einen Augenblick waren sie da. Ich empfand sie als schön. In der Hitze staubt der Brecher ungemein, eine Pulverwolke hüllt den Riesen ein. Sobald wir aus dem Dunst heraus kommen, atmen wir tief durch. Der Zeiger rückt auf 4Uhr. Die ersten Arbeiter stolpern und laufen dem Bremsberg hinunter. Fierovend. Sie sind es satt. Gleich rappelt die Eisenschiene. Hände waschen, Haare kämmen. Ein knappes Auf Wiedersehen. Keiner denkt sich etwas dabei. Ab nach Hause. Das Radio wird angestellt. Ich ziehe mich um. Endlich fertig. Noch ein kleiner Bummel durch die Stadt. Man ist wahrhaftig unsicher im Benehmen, in seinen Bewegungen. aber das gibt sich. Ich habe ja Ferien.


Aufsatz von Jürgen Isselbächer, geschrieben 28.09.1952, damals Schüler des Wüllenweberschule (Gymnasium) Bergneustadt

Der Lehrer der den Aufsatz schreiben ließ, war Herr Seinsche, später Direktor des Wüllenweber-Gymnasiums Bergneustadt




Warum gibt es Pflasterteine, die Henkelmännchen heißen?


Henkelmännchen sind eine fast verschwundene Art Behälter,

mit denen man das Mittagessen mit zur Arbeit nehmen konnte.

Fest mit einem Bügel verschlossen, sorgten sie dafür,

dass das Mittagessen nicht vor der Zeit heraus- oder herumlief.

Der Behälter war emailliert, die Kanten mit einem schmalen

dunkelblauen Rand versehen, der dann als erstes die

Spuren häufiger Verwendung anzeigte.

Man konnte ein Henkelmännchen in heißes Wasser stellen

und damit das Mittagessen auf der Arbeit oder sonst wo fern

von der heimischen Kochstelle erhitzen. Manches schmeckt

eben kalt gut, zum Beispiel Erdbeereis, anderes kann man

auch kalt essen, zum Beispiel Milchreis mit Zimt & Zucker,

aber einiges schmeckt kalt nur schaurig, zum Beispiel

Spitzkohleintopf.

Also – bei soviel Nähe zur belebten Natur:

warum heißt ein behauener Stein Henkelmännchen?

 

Nun ist das Bergische Land eine Gegend, in der viele Steinbrüche

zu finden sind. Aus diesen Steinbrüchen kam immer schon

ein besonders fester Stoff, im Bergischen Land Grauwacke

genannt. Lange vor der Zeit rechnergesteuerter

Autobahnasphaltiermaschinen musste man Wege und Plätze

befestigen und das ging seit der Zeit der Babylonier

mit Pflastersteinen. Im Bergischen wurden in den Steinbrüchen

Steine behauen,  die dann von den Pflasterern mit der Hand

aufgesetzt und mit Hämmern eingeklopft wurden. Katzenköpfe nennt

man die gebräuchlichen großen Pflastersteine, leicht abgerundet –

im Übrigen eine unberechenbare Absturzstelle für hohe Absätze.

Und die kleinen Pflastersteine, ein wenig runzelig, aber griffig,

die nennt man Henkelmännchen.

Die Steinbrucharbeiter brachten ihr Essen zur Arbeit mit in diesen

emaillierten Behältern mit Deckel und Bügel, eben den

Henkelmännchen. Waren diese Henkelmännchen nun leer –

und das waren sie bei dieser schweren Knochenarbeit regelmäßig,

boten sie Platz genug, um mindestens zwei kleine Pflastersteine

hineinzulegen  und mit nach Hause zu nehmen.

 

Hier haben wir den Grund für den Namen!

 

Dies passierte übrigens meist mit Wissen und zuweilen sogar

Billigung der Steinbruchbesitzer. Das Haus eines

Steinbrucharbeiters konnte man daran erkennen, dass der Hof um

das  Haus herum mit diesen kleinen Pflastersteinen belegt war –

Tag für Tag im leer gegessenen Henkelmännchen nach Hause getragen.